Mirror's Edge

Mirror's Edge (PS3)

(Electronic Arts)

geschrieben von Witali Blum

 

 
Entwickler: Dice
Publisher: Electronic Arts
Genre: Action-Adventure
Releasedate: Bereits erhältlich
Homepage: Mirror's Edge
Preis: 58,95 €
Altersfreigabe: Freigegeben ab 16 Jahren gemäß §14 JuSchG

Wenn jemand ein Spiel für die Playstation 3 entwickeln würde, in dem man die Arbeit eines Postboten erledigt, wäre das wohl kaum ein Verkaufsschlager, oder? Falsch, denn die Austräger, von denen hier die Rede ist, bewegen sich in der schwindelerregenden Höhe einer Hochhauslandschaft und transportieren rennend illegale Sendungen. Als Meister des Parcour sind sie ständig auf der Flucht vor dem langen Arm des Gesetzes und hängen meistens ihre bewaffneten Verfolger durch waghalsige Sprünge sowie gefährliche Stunt-Einlagen ab. Erstmalig hat der Spieler in "Mirror's Edge" die Gelegenheit, in die Haut eines sogenannten Traceurs oder Runners zu schlüpfen, um selbst den Nervenkitzel eines Querfeldeinrennens zu erleben.

Passe muraille

"Mirror's Edge" erzählt die Geschichte einer jungen Frau namens Faith, die in einer möglichen nahen Zukunft lebt. Auf den ersten Blick scheint alles utopisch zu sein, denn die Straßen sind sauber, die Leute sind mehr oder weniger wohlhabend und es gibt keine Verbrechen. Tatsächlich aber entpuppt sich das Szenario als dystopisch, denn die Vorteile der Bürger werden mit ihrer Freiheit erkauft. Ähnlich wie in George Orwells Roman "1984" herrscht in Faiths Heimatstadt die totale Überwachung durch "Big Brother". Natürlich haben nicht alle Einwohner gern auf ihre Grundrechte verzichtet, denn zu Beginn der gravierenden Veränderungen hat es zahlreiche Unruhen und Widerstände gegeben, an denen sich auch Faiths Familie beteiligt hat. Leider haben die heftigen Proteste nichts bewirkt, da man über kurz oder lang alle Gegner zermürbt und zur Aufgabe gezwungen hat. Nur wenige Widerstandgruppen sind übriggeblieben und kommunizieren miteinander über ein Netzwerk von rennenden Boten – die Runner. In einer Zeit, in der elektronische Nachrichten überwacht werden, ist es die Aufgabe dieser Männer und Frauen, Daten oder Pakete unbemerkt über die Stadtdächer hinweg an ihren Bestimmungsort auszuliefern.

Als freiheitsliebende Person hat sich Faith sogleich den Runnern angeschlossen, um ihren Beitrag zum Widerstand zu leisten und das letzte Stück Freiheit zu erleben. Die Situation scheint sich dem Besseren zuzuwenden, als bei den kommenden Bürgermeisterwahlen der Kandidat Robert Pope, ankündigt, im Falle einer Ablösung seines Vorgängers Mayor Callaghan die menschenrechtswidrige Überwachung rückgängig zu machen. Leider erliegt er kurz darauf einem Attentat, das ausgerechnet Faiths Zwillingsschwester, die den Beruf einer Polizistin ausübt, in die Schuhe geschoben wird. Damit nicht genug – ein noch viel größeres Komplott scheint sich anzubahnen, das den geheimnisvollen Namen "Projekt Ikarus" trägt und die Zukunft aller Runner bedroht. Voller Ungeduld macht sich die Heldin auf den Weg, um sich Informationen zu beschaffen, die ihre Schwester entlasten und die dunklen Machenschaften der despotischen Regierung aufdecken.

Demitour

"Mirror's Edge" versetzt den Spieler in die einmalige Perspektive eines Traceurs beim Ausüben der Extremsportart Parcour. Man rennt so schnell wie möglich von einem Levelanfang bis zum Ziel und überwindet dabei viele Hindernisse mit akrobatischen Manövern. Das Besondere am Spiel ist jedoch die Ego-Ansicht, die dank fehlendem On-Screen-Display dem Spieler das Gefühl vermittelt, alle Tricks selbst auszuführen. Das Repertoire der Runner ist sehr umfangreich. So kann man beispielsweise unter Leitungsrohren durchrutschen, auf Kränen balancieren, an Seilen entlanghangeln oder einfach von einer Dachkante zur nächsten springen. Die Möglichkeiten, wie man eine Lieferung transportiert, sind äußerst vielseitig. Man muss nur darauf achten, keine Pausen beim Rennen zu machen, da sich dann die Geschwindigkeit der Heldin reduziert und sie womöglich beim nächsten Sprung nicht genug Schwung hat.

Zu Beginn ist es nahezu unvermeidlich, dass man bei den Stunts irgendwelche Fehler macht, die zum vorzeitigen Ableben der Protagonistin führen. Glücklicherweise speichert das Spiel automatisch den Fortschritt der Strecke an großzügig verteilten Kontrollpunkten, so dass man nicht gezwungen ist, wieder von vorn anzufangen. Eine weitere Schwierigkeit bieten natürlich auch die scharf schießenden Sicherheitsleute und später sogar noch Elite-Commandos. Obwohl man oft gut damit beraten ist, die Beine in die Hand zu nehmen und etwaige Verfolger abzuschütteln, gibt es in "Mirror's Edge" einige kritische Stellen, die nicht kampflos zu überwinden sind. Aber dafür ist die Heldin des Spiels selbst ziemlich hart gesotten, denn sie kann nicht nur kräftige Hiebe austeilen, sondern die feindlichen Söldner sogar entwaffnen und anschließend ihre Waffen gegen sie verwenden. Man muss jedoch berücksichtigen, dass jede Waffe Faith in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt und womöglich zu unnötigem Ballast wird.

Im Laufe des Abenteuers kann es geschehen, dass die Heldin sich bei einem Sprung aus großer Höhe verletzt oder angeschossen wird. Da "Mirror's Edge" kein HUD im Einzelspielermodus besitzt, gibt es folglich auch keine Lebensleiste. Ähnlich wie bei "Uncharted – Drakes Schicksal" beginnt der Bildschirm zu verschwimmen und simuliert gleichzeitig, wie Faith nach und nach das Bewusstsein verliert. Wenn man sich für einen kurzen Moment in eine Deckung verkriecht, kann sich die Protagonistin von ihrer Wunde erholen. Wird sie jedoch von weiteren Hieben und Schüssen traktiert, dann stirbt die Athletin und der Spieler muss einen erneuten Versuch ausgehend vom letzten Kontrollpunkt wagen. Sehr gut hat sich bei großen Gegnermassen die Hit-and-Run-Taktik bewährt, bei der man ähnlich dem Guerilla-Kampf einzelne Gegner isoliert und ausschaltet.

Leider ist die Spieldauer von "Mirror's Edge" mit knapp zehn Kapiteln, für die man ungefähr sechs Stunden benötigt, ziemlich kurz. Natürlich kann man den Spaß künstlich ausdehnen, indem man versucht, versteckte Extras – die "Runnerbags" – in den Leveln zu finden oder besonders gewiefte Taktiken zu erfinden und damit womöglich mit einer Trophäe belohnt zu werden. Auf Dauer ist es jedoch sinnvoll, die Online-Herausforderung zu versuchen, bei der man bereits bestrittene Levels im Zeitrennen zurücklegt. Dieses Mal werden aber grafische Informationen eingeblendet, die die momentane Geschwindigkeit sowie die verbrauchte Zeit der Spielfigur anzeigen. Man kann das Ganze nur bedingt als Mehrspielermodus bezeichnen, da man immer noch allein unterwegs ist und lediglich die Möglichkeit hat, Ergebnisse auf einer Rangliste einzusehen. Zusätzlich kann man einen so genannten "Geist", der die Spielfigur eines anderen Spielers darstellt, herunterzuladen, um zu sehen, welchen Weg er durch den gewählten Level zurückgelegt hat. Oftmals entdeckt man auf diese Weise neue Tricks und Pfade, auf die man selbst nie gekommen wäre.

Saut de chat

Zugegebenermaßen erfordert die Steuerung von Faith auf ihrem Parcour etwas Übung, denn schon die große Anzahl an Manövern, die man einsetzen muss, um Hindernisse zu überwinden, kann viele Anfänger leicht überfordern. Hinzu kommt noch die gewöhnungsbedürftige Ego-Perspektive, aus der alle Sprünge, Rollen und Kletteraktionen mit richtigem Timing ausgeführt werden müssen. Obwohl nur die beiden "L"-Trigger des Playstation-3-Controllers in Kombination mit dem linken Analogstick für Bewegungen zuständig sind, muss man berücksichtigen, dass es wichtig ist, in welchem Teil des Sichtfelds, das mit dem rechten Stick gelenkt wird, sich störende und helfende Objekte befinden. Zum Beispiel tendiert Faith dazu, nur Rohre oder Seile zu greifen, wenn sie zentriert sind. Viel zu oft springt man in den Abgrund, weil die Heldin sich weigert, die am linken oder rechten Bildschirmrand auftauchende rettende Leiter zu packen. Dafür können sich Hobby-Akrobaten nach Herzenslust austoben, denn selbst so genannte "Turns" (180°-Sprung) oder "Backflips" (Rückwärtssalto) kann man im Spiel ausführen.

Manchmal muss man sich in "Mirror's Edge" gegen bewaffnete Sicherheitskräfte zur Wehr setzen, weil sie den Weg versperren und mit ihrem Kriegsgerät der Protagonistin heftig zusetzen. In solchen Fällen hilft es, die Bewegungen eines Runners mit "R2" zu kombinieren, die sie in Kung-Fu-ähnliche Angriffe verwandeln. Man ist jedoch bestens beraten, gleich anschließend die nächste Deckung aufzusuchen, weil die Kollegen des ausgeschalteten Wachmanns möglicherweise hinter der nächsten Ecke lauern und den Tumult nutzen könnten, um die Heldin erst richtig aufs Korn zu nehmen. Weiterhin besitzt der "R1"-Trigger die wichtige Funktion, Faith um 180 Grad zu drehen, so dass sie neue Wege oder auch Gegner schnell anvisieren kann. Darüber hinaus kann der Spieler mit "Dreieck" im Nahkampf einen Feind entwaffnen, vorausgesetzt, er drückt den Knopf zum richtigen Zeitpunkt. Falls man bei der Aktion scheitern sollte, weil der Kontrahent zu schnell zuschlägt, kann man mit "Quadrat" den Adrenalinstoß der Heldin dazu nutzen, ihre Wahrnehmung zu beschleunigen und effektiv die Zeit zu verlangsamen. Erwähnenswert sind noch die "Kreis"-Taste, mit der man einen Tipp erhält, falls man sich verirrt hat, sowie das "X", das Interaktionen mit der Umwelt erlaubt.

Réverse

Bei der grafischen Gestaltung von "Mirror's Edge" haben die Entwickler von DICE alle Register gezogen. Die Stadtlandschaft, in der Faith um ihr Leben rennt, wirkt aufgrund der physikalisch korrekt berechneten Licht- und Schattenquellen der Unreal-3-Engine sowie der detaillierten Texturen nicht nur authentisch, sondern passt mit ihrem sterilen, sauberen Look auch zur Story. Darüber hinaus sorgen viele simulierte, natürliche Phänomene auf dem HUD-losen Bildschirm, wie beispielsweise die verschwommene Sicht nach einer besonders starken Anstrengung oder das Geblendetwerden, wenn man aus einem Raum ins Freie tritt, dafür, dass man den Eindruck hat, mitten im Geschehen zu sein. Das Ganze geht sogar so weit, dass man zu Beginn, nach einigen Minuten leichte Schwindelanfälle bekommt. Sehr löblich ist, dass man nicht gezwungen wird, einen bestimmten Weg einzuschlagen, um das Missionsziel zu erreichen. Getreu dem Motto: Im Parcour überwindet man Grenzen und der Spieler sucht sich selbst einen Ausgang, wobei er natürlich nur die körperlichen Fähigkeiten der Protagonistin berücksichtigen muss, denn die Phys-X-Engine verhindert, hundert Meter lange Sprünge wie im Film Matrix.

Allerdings gibt es auch einige Kritikpunkte. So ist es zum Beispiel unverständlich, warum die Entwickler darauf verzichtet haben, Kanten weich zu zeichnen. Mit der verwendeten Engine sowie den technischen Möglichkeiten einer Playstation 3 wäre es vermutlich kein Problem gewesen, dieses Detail einzufügen und damit den Grad an Realismus zu erhöhen. Außerdem wäre noch die Gestaltung des Interieurs der Hochhäuser, durch die Faith manchmal einen Teil ihres Weges zurücklegen muss, zu bemängeln. Im Vergleich zu den Dächern, auf denen sie sich hauptsächlich tummelt, wirken die Zimmer und Kellergewölbe äußerst spartanisch. Man hätte in ihnen mehr Objekte platzieren können, um so eine lebendigere Atmosphäre zu schaffen. Fragwürdig ist auch die Farbenwahl, die nicht zum allgemeinen Stadtbild im Freien zu passen scheint. Zum Glück fallen alle zuvor genannten Mängel aufgrund des hohen Spieltempos kaum auf, da man sich ständig auf der Flucht befindet und keine Zeit hat, genauer hinzusehen.

Roulade

Der Soundtrack von "Mirror's Edge" beinhaltet nur einen Song, nämlich "Still Alive", den die Musikerin Lisa Miskovsky präsentiert und der um weitere Electro-Remix-Versionen ergänzt wurde. Die musikalische Untermalung passt so gut zu der ständigen Action des Spiels, dass man zu keinem Zeitpunkt vom Geschehen auf dem Bildschirm abgelenkt wird. Ferner haben sich die Entwickler bemüht, die Soundeffekte ebenso wie die Grafik möglichst realistisch zu gestalten. So schnauft zum Beispiel die Heldin beim Laufen oder stößt ihren Atem ruckartig aus, wenn sie nach einem Sprung aus großer Höhe auf den Füßen landet. Der im Original englische Text des Spiels wurde gut ins Deutsche übertragen, wobei man allerdings nur wenige Unterhaltungen in der 3D-Ansicht des Spiels führen muss, da die Handlung meistens in Form eines Trickfilms erzählt wird.

Résumé

"Mirror's Edge" ist ohne Zweifel ein Novum auf dem Spielmarkt, das die Perspektive eines Ego-Shooters mit der Spielmechanik des Jump'n'Run-Genres kombiniert. Es macht derart viel Spaß, sich selbst als Traceur an der Konsole zu versuchen, dass man kaum den Wunsch verspürt, den Controller beiseitezulegen. Um so deutlicher gewinnt man den Eindruck, dass die Spieldauer des Einzelspielermodus viel zu kurz ist. Da es einen echten Mehrspielermodus in "Mirror's Edge" nicht gibt, fehlt dem Spieler die Langzeitmotivation, die die Wartezeit auf einen nächsten möglichen Titel mit der Widerstandskämpferin Faith als Heldin verkürzen könnte. Dennoch gehört das Spiel nach meiner Ansicht zu denen, die man unbedingt kaufen sollte, wobei man Spielern mit Höhenangst raten sollte, vorher ihre Phobie zu überwinden.

(02.12.2008)

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